Lehren aus Covid 19 – Brauchen unsere Kinder für eine erfolgreiche Zukunft mehr Mathematik und Wissenschaft oder Kreativität, Kunst und Kultur?

Wie, so fragen wir uns seit Aufkommen der sogenannten Kollateralschäden der Covid 19 Krise, kann eine Zukunft aussehen, die sowohl gesundheitlich sicher, wie auch wirtschaftlich gesichert ist? Wie kann eine Zukunft gestaltet werden, die im Nebenher auch gleich all die anderen dringlichen globalen Probleme löst? Ökologische Fragestellungen schwingen sich bereits zu anbrandender Katastrophennatur auf, das wirtschaftliche Verteilungsungleichgewicht verursacht einen zunehmend gefährlichen Riss im globalen Menschengewebe, und Migrationsströme und Flüchtlingsboote sind erst die Vorboten vom weiter zu Erwartenden. Was hat dies alles mit Kunst- und Kulturinstitutionen zu tun? Sollen diese das Plastik aus den Meeren fischen, haben diese zum Thema globaler Erwärmung, Abholzung der Regenwälder, Abschmelzung der Polkappen denn etwas zu sagen? Können diese auf die Weltpolitik und zumindest die Weltbank Einfluss nehmen? Wohl kaum......! Oder doch? Ja, doch! Sehr wohl doch! Schauen wir uns an, warum ich dieser Überzeugung bin!

Existenziell herausgefordert war unsere Spezies seit ihren Anfängen schon mehrfach! Nach der Tobakatastrophe, einem großen Vulkanausbruch mit entsprechenden Auswirkungen auf das Weltklima, dürften gerade mal 10.000 von unserer Sorte – zu anderen Zeitpunkten des genetischen Flaschenhalses unserer Spezies vielleicht sogar nur ein paar Hundert von uns – noch auf diesem Globus gewandelt sein.

Beängstigend diese Vorstellung und gleichzeitig Hinweis gebend, denn wenngleich sich unsere Spezies für den überwiegenden Teil ihrer Existenz zahlenmäßig um eine komatöse Nulllinie bewegt hat – denken Sie nur, dass gerade mal 1 Milliarde Menschen um 1800 gezählt wurden – so sind die 7,8 Milliarden, die wir jetzt gerade auf die Waagschale werfen können, anschaulicher Beweis für die Durchsetzung dieser Spezies auf diesem Planeten! Ein raketengleiches Abheben! So etwas nennt man Erfolgsstrategie in der Evolution.

Doch was steckt dahinter? Was, in Gottes Namen, ist es, dass UNSERE Spezies so erfolgreich gemacht hat? Warum WIR? Warum ist das heute eigentlich nicht der „Planet der Affen“, sondern war gerade diese Trennung vom Schimpansen und Bonobo und die Weg-Entwicklung hin zum Homo Sapiens so entscheidend dafür, dass heute die Schimpansen im Zoo sitzen und nicht wir. WAS haben wir evolutionär entwickelt, das uns diesen immensen Wettbewerbsvorteil als Gesamtspezies betrachtet, eingebracht hat?

An unserer überragenden Gestalt kann es nicht liegen! Unsere Grundausrüstung ist durchwegs als äußerst bescheiden anzusprechen. Machen wir Inventur: ein großer, ungeschützter, umweltoffener Säugetierorganismus sind wir; keine Reißzähne, weder Krallen, noch Panzerung, noch Tarnung. Und im Bereich der Fertigkeiten lässt sich ebenfalls nichts Spezielles finden. Der Mensch kann nahezu alles, was im üblichen Überlebenskampf nützlich sein kann, ein wenig – mit Ausnahme von Fliegen – und nichts richtig gut.

Wir könnten sagen: der Mensch ist ein Universaldilettant. Mehr nicht. Trotzdem ist es dieser Spezies gelungen, von einem vergleichsweise bescheidenen Platz in der Mitte der Futterkette, bis an deren Spitze aufzusteigen.

Zwei Fähigkeiten zeichnen dafür verantwortlich:

1. Unsere Spezies ist radikal sozial!

Dieser Drang gemeinsam abzuhängen, sich in Sippen und Gruppenverbänden mit starkem Zugehörigkeitsgefühl zu organisieren ist uns bis in unsere Neurotransmitterlandschaft biologisch eingegraben. Denn was einer nicht vermag, schaffen viele gemeinsam. Oder wie es schon Aristoteles vor mehr als 2.300 Jahren so treffend beschrieb: Anthropos zoon politikon estin. Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen. Durch und durch und die moderne Wissenschaft hat Dank Positronenemissionstomigraphie, Neurotransmitterforschung und Psychoneuroimmunologie heute, 2.300 Jahre später, mit Beginn des 21. Jahrhunderts auch den wissenschaftlichen Beweis dafür erbracht. Der Mensch ist wirkungsstärker, gesünder und im maximalen Potenzial, wenn er sich einer Gemeinschaft zugehörig fühlt.

Doch es ist die zweite Fähigkeit, die von fundamentaler Bedeutung für unser Überleben als Spezies ist. Sie ist genauso maßgeblich für die Bewältigung der zahlreichen Stolpersteine, die unseren Aufstieg behindert haben und weiter mit neuer Kraft behindern. 

2. Unsere Spezies ist kreativ!

Die Theorien zu Kreativität erweisen sich bei näherem Vergleich als genauso vielgestaltig wie zahlreich. Gemeinsam ist vielen, dass sie dem Versuch zu gleichen scheinen, in der schlammigen Tiefe eines blaugrünen Sees einen schlüpfrigen Aal fassen zu wollen.

Zugegeben, unbestreitbare Resultate kreativen Schaffens werden angeführt, um dann in einem Bestreben wissenschaftlich korrekter Methodik, das Phänomen kreativen Handelns deduktiv auf seine Partialen hinunter zu brechen und so enträtseln zu können. Obwohl Kunst ganz sicher Kreativität voraussetzt, Talent in welchem Gebiet auch immer, eine wesentliche Erleichterung ist und mit Kreativität ebenfalls Neuartigkeit als unabdingbar assoziiert ist, vermag keiner dieser Aspekte als Synonym die Tiefe des Begriffs wirklich befriedigend auszuleuchten. Auch Disziplin und Übung, Hingabe und Glaube sind im Gespräch der Ingredienzien und doch herrscht Übereinstimmung, dass das davon beschriebene Ergebnis bisweilen weniger mit Kreativität, denn mit erreichter Meisterschaft und Handwerkskunst zu tun hat!

Die retrospektive Analyse, die vom Ergebnis kreativen Handelns ausgeht, erweist sich somit als unbefriedigender Pfad und erscheint an ihrer Zielausrichtung einem mechanistischen Weltbild entsprechend Komponenten isolieren zu wollen, die dann „das Ganze“ erklären sollen, zu scheitern. Was aber, wenn Kreativität etwas ganz anderes, nicht Eigenschaften-Gebundenes wäre, etwas das in den „Zwischenräumen zwischen Denken, Fühlen und Handeln“ angesiedelt, vielleicht verschiedene dieser Eigenschaften erst als Mittler hervorbrächte, statt aus ihnen hervorzugehen – Eigenschaften und Fähigkeiten als Mittel für die Gestaltwerdung kreativen Handelns, das seinen Ursprung ganz woanders nimmt.

Was wäre, wenn Kreativität als jene immaterielle Kraft zu sehen wäre, als der Antrieb unserer Humanisierung und Kulturalisierung, der „stoffgebunden“ als Voraussetzung seines evolutionären Auftretens, seine Entsprechung nur in der zunehmenden Komplexität unserer Neuronenmasse fände? Dies bedarf näherer Erläuterung.

Versuchen wir uns dem Phänomen „Kreativität“ von der anderen Seite, der Perspektive, des dahinter liegenden, betreibenden Musters, das kreatives Handeln von einem evolutionsbiologischen Entwicklungsvorteil verursacht annimmt, anzunähern. Als Spezies sind wir zwischenzeitlich mit dem enormen Hirngewicht von durchschnittlich 1.300 g in unserer Gegenwart angekommen. Unsere Vorfahren brachten vor etwas mehr als 2,6 Mio. Jahren als homo habilis noch mit einer recht bescheiden anmutenden Hardware-Ausrüstung von etwa 850 g mit den ersten bearbeiteten Steinkeilen ein lautstarkes Zeichen deutlicher Kreativität hervor und setzen damit den Kulturprozess erfassbar in Gang.

Aber nicht nur die beeindruckende Massenzunahme mit den nun rund 100 Mio. Neuronenzellen eröffnet Potential für Entwicklungsträumerei, sondern vor allem die Tatsache, dass jede dieser Neuronenzellen mit bis zu 10.000 weiteren in engem, synaptischem Informationsaustausch zu stehen vermag. Daraus ergibt sich ein unüberblickbares Reservoir, ein inneres Abbild unseres äußeren Universums, für die Bildung plastischer Netzwerke, die ihrerseits einem kontinuierlichen neuroplastischen, also formenden Prozess unterliegen.

„Erfahrung“ heißt dafür das Zauberwort – vermittelt über die Verwendungsmuster der jeweiligen Netzwerke. Ganz nach dem Grundsatz: Use it or loose it! Dazu steht uns als weiteres Regie-Instrumentarium unserer Entwicklung noch ein System von Spiegelzellen zur Verfügung. Diese werden nicht nur bei der Ausführung realer Handlungen aktiviert werden, sondern ebenso bei der Beobachtung von anderen Individuen bei der Ausführung von Aktivitäten und bei der gedanklichen Imagination von solchen.

Ein schier unerschöpfliches Arsenal an Möglichkeiten zur Gestaltung scheint in unserem Kopf für die Interaktion und Gestaltung der Welt, entsprechend dem Auftrag „Macht euch die Erde Untertan!“, untergebracht zu sein. Die moderne Hirnforschung vermag dem Prozess von Kreativität in die Spitzenunterwäsche zu blicken. Es stellt sich heraus, dass Kreativität zu den höchsten und komplexesten Prozessen gehört zu denen das menschliche Gehirn befähigt ist. Die auf unterschiedlichen Hierarchieebenen gewonnene, verarbeitete und abgespeicherte Information läuft im Präfrontalen Cortex zusammen, um dort Gestalt zu werden.

Der „kreative Mensch“ versteht es die Muster und Regeln, die einem Ding innewohnen und die ihm als Wesen aufsozialisiert sind, nicht nur zu erkennen, wie wir das von jedem halbwegs passablen Menschen erwarten, sondern darüber hinaus diese aufzubrechen, aus ihrem Zusammenhang zu lösen und in anderem Kontext neu und schaffend zusammen zu fügen.

Kreativität ist somit der Akt, über sozialisierte Bedeutungsmuster, die unserer „gemeinsamen Welt“ innewohnen, hinauszuwachsen und neue zu generieren. Ob dies Newton war, der mehr als einen fallenden Apfel erblicken konnte, oder Kekule, dem sich die Benzolringformation eröffnete, als er versonnen ins Kaminfeuer starrte, oder Einstein seinen Traum auf einem Lichtstrahl zu reiten aufgriff, oder ein*e bildende*r Künstler*in, die*der Form, Farbe und Materialien in ihrem*seinem Stil arrangiert, ist für die Identifikation des kreativen Prinzips gleichgültig. Nicht jedoch für unsere Spezies, denn gerade aus dieser Fähigkeit erwächst unsere Lösungspotenz für andrängende Fragen und Probleme. Unsere Kreativität ermöglicht uns über den bestehenden Schüsselrand des bisher Realen, Richtigen und Wahren hinaus zu greifen, uns zu erweitern!

Sind Kinder kreativ?

Kinder mit vier Jahren malen grüne Kühe, konversieren unverdrossen mit imaginären Freunden, können jede Figur im Rollenspiel phantasieren, leben ausdauernd in Schlössern aus Kartonboxen und bauen die unwahrscheinlichsten Gebilde aus für diese Zwecke nie angedachten Materialien. 

Kinder sind also kreativ, wie landläufig angenommen wird, sogar besonders, betrachtet man ihre Artefakte. Anderseits sind kleine Kinder erst auf dem Weg, die Welt zu begreifen, sprich Zuordnungen und damit Schablonen, Raster und Gesetzmäßigkeiten mit der Regelextraktionsmaschine Hirn zu erwerben. Dass grüne Kühe nicht existieren und Menschen nicht unsichtbar sein können, gilt zu diesem Zeitpunkt noch nicht als gesichert, sondern wird noch weitere Sozialisierungserfahrung brauchen. Die Kreativität von Kindern ist also noch nicht von verinnerlichten Gesetzen über die „wahre Natur“ der Dinge verstellt.

Junge Kinder müssen demnach auch nicht diesen Sprung über die Grenzen von Wahrheit und Konvention nehmen, um zum kreativen Akt zu gelangen. So sehr die reine, ungebremste, kreative Kraft um der Gemeinschaftsfähigkeit Willen in der Folge Kompromisse eingeht, so sehr gilt es anderseits, sich dieses wertvollen Pflänzchens in der Seele des Kindes bewusst zu sein und mit ihm achtsam umzugehen. Denn nur wenige Kinder halten es entgegen dem abwinkenden Sozialisationsprozess auf Dauer aus, an ihren imaginären Freunden fest zu halten und im Dialog mit ihnen Perfektion und Tiefe zu entwickeln, um sich letztendlich als Literaten wieder zu finden.

Wenn dieser Umgang Sorgsamkeit und Respekt vor der Wesenheit – dem Talent des Kindes – einschließt und Raum gewährt, das Kind also nicht durch Abwertung und Unverständnis, kurz durch die Drohung der Beschädigung seines ICHS, gezwungen wird, seine „Träumerei“ aufzugeben, um endlich „normal“ zu werden, so kann die ursprüngliche Saat gedeihend und in ihrem speziellen Feld aufwachsen.

Gerade der Entwicklung von Selbst-bewusst-SEIN sei an dieser Stelle besondere Aufmerksamkeit für den „Ausbruch von Kreativität in einem Menschen“ geschenkt, denn das Risiko des Neuen, den Schritt hinaus ins ungewisse Universum, traut sich nur jener zu, der sich auf sich zu verlassen vermag. Dies sei der*dem guten Kunst- und Kulturvermittler*in ins Stammbuch geschrieben.

Nimmt es Wunder, dass, wie in unterschiedlichen Studien belegt, der kreative Mensch, jener dessen naturgemäß angelegte Fähigkeit zur Kreativität nicht NIEDERSOZIALISIERT wird mit der WAHRHEIT DER KONVENTION, jener ist, der auch ein weitaus höheres Lebensrealisierungspotenzial in sich trägt. 

Wohl kaum! Ich will hier nur jene, wenngleich bereits zehn Jahre alte Studie von James Catterall von der UCLA anführen, die dennoch den Entscheidungsträger*innen in Politik, Bildung und Wirtschaft noch immer nicht geläufig erscheint: Es handelt sich um eine Longitudinalstudie an mehr als 12.000 Schüler*innen, die über 12 Jahre hinweg in ihrem Werdegang beobachtet wurden. Jene, die integrative Exposition mit guter Kunst und Kulturvermittlung aufwiesen, zeigten nicht nur einen deutlich besseren Schulerfolg, sondern darüber hinaus in allen Partialen psychosozialen Handelns und persönlicher Selbstkompetenz weitaus höhere Werte als solche, die diese Erfahrungen entbehren mussten. Um es auf einen ökonomischen Terminus herunter zu brechen: Diese Schüler*innen hatten im späteren Leben eine vier Mal so geringe Chance langzeitarbeitslos zu werden, denn ihre Mitschüler*innen ohne derartige Kunst- und Kulturvermittlung.

Kunst und Kultur machen also Wirtschaft! Das sollte – weil wir zuvor bereits bei Stammbüchern angelangt waren – in jenen von Politikern und Entscheidungsträgern fettgedruckt zu finden sein! Nicht nur Catterall hat dies bewiesen. Ich darf an dieser Stelle auch auf die bemerkenswerte Arbeit von Prof. Ann Bamford hinweisen, die eine Studie zur Kunst- und Kulturvermittlung und deren Auswirkungen auf Kinder in 40 Ländern untersuchte und zu ganz ähnlichen Ergebnissen gelangte.

Wir werden in den nächsten Jahrzehnten innovative Geister in allen Feldern unseres Lebens brauchen, wie noch nie zuvor! Richtige Kunst- und Kulturvermittlung ist der Schlüssel dafür, dass die in unseren Kindern angelegte Fähigkeit zum kreativen Prozess erhalten bleiben möge und sich weiter zu entwickeln vermag.

Martina Leibovici-Mühlberger

  • Ärztin, Praktische Ärztin, Fachärztin
  • Psychotherapeutin
  • Geschäftsführerin der ARGE Erziehungsberatung und Fortbildung GmbH (Erwachsenenbildungsinstitut, das EB und ErzB ausbildet) und der ARGE Bildung & Management (humanistische Unternehmungsberatung zur Durchführung von Change-Prozessen, also Organisationsentwicklung, für Unternehmen und im weitern Schwerpunkt Bildungsinstitutionen)
  • Buchautorin (letztes Buch: „STARTKLAR – Aufbruch in die Welt nach Covid 19“)

www.martinaleibovici.com

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